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Wenn Helden sterben
Christian Elsner singt Schuberts "Winterreise"

Wer sich als Liedinterpret an Schuberts "Winterreise" wagt, muss die überwältigende Rezeptionsgeschichte von einem bestimmten Punkt an ausblenden und eine neue Naivität entwickeln, um zu eigenen Ideen finden zu können. Wer könnte den "Lindenbaum" singen, während er über die Verwendung der Strophen in Thomas Manns "Zauberberg" nachsinnt? Der Praktiker muss es irgendwann einfach tun. Wie jetzt aber der Pianist Eugen Wangler seinen Part gestaltete, als er Christian Elsner in der Reihe der Musikgemeinde Ober-Roden in der Stadtbücherei Rödermark begleitete, wirkte doch allzu unbedacht schlicht. So undifferenziert darf ein so bedeutender Zyklus nicht wiedergegeben werden.

Wie für den Wanderer, das lyrische Ich des Zyklus, Traumwelt und Realität mehr und mehr verschwimmen, wurde kaum spürbar. Selbst im "Frühlingstraum", in dem die Sphären überdeutlich getrennt werden, war der Kontrast fast nicht zu bemerken. Die für Schubert charakteristischen Wechsel von Dur und Moll erschienen im Spiel des an der Frankfurter Musikhochschule lehrenden Pianisten bedeutungslos oder zufällig, nirgends war ein Unterschied zwischen Piano und Pianissimo vorhanden, "Im Dorfe" zum einheitlichen Mezzopiano nivelliert.

Trotz und Groll erschienen in dieser Deutung als Hauptgedanken des enttäuschten Liebenden. In "Auf dem Fluss" stellt er sich sein Herz unter dem Eis vor und fragt bebend, ob es dort "wohl auch so reißend schwillt". Das gelang mit Elsners mächtiger, technisch souverän, perfekt lyrisch geführter und glasklar artikulierter Stimme eindrucksvoll. Dieser Ansatz wurde konsequent verfolgt und war doch zu wenig. Resignation, Trauer und die leisen, verhangenen Seiten der romantischen Todessehnsucht kamen zu kurz. Abgewiesen im Wirtshaus, gab sich der Wanderer in Elsners Mimik und Tonfall heroisch und lautstark: "Nun weiter, mein treuer Wanderstab". Vieles war zu präsent, für den kleinen Saal zu laut und zu groß dimensioniert. Als Zugabe, die sich nach der "Winterreise" eigentlich verbietet, gab es "Wanderers Nachtlied", das in Elsners stillem Vortrag zum milderen Ausklang der Todesthematik wurde.  GUIDO HOLZE


Text: F.A.Z., 23.02.2009, Nr. 45 / Seite 34
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